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Das Erfassen der Wahrheit vollzieht sich in Vielheit und
Größe.
Philosoph: Laß es dich nicht verdrießen, unser Gespräch bis in die
Nacht fortzusetzen, mein lieber Freund, damit ich deine
Gegenwart noch weiter genießen kann. Morgen muß ich
nämlich abreisen. Bitte, erkläre mir, was der gelehrte Boethius
meint, wenn er sagt, daß sich das Erfassen der
Wahrheit in Vielheit und Größe vollzieht.
Laie: Ich glaube, daß er die Vielheit auf Unterscheidung und
die Größe auf Vollständigkeit rückführt. Die Wahrheit
eines Dinges erfaßt derjenige richtig, der es von allen
anderen Dingen unterscheidet und seine Vollständigkeit
erfaßt, jenseits und diesseits derer das vollständige Sein des
Dinges sich nicht erstreckt. Die systematische Theorie bestimmt
in der Geometrie die Vollständigkeit des Dreiecks
so, daß es weder diesseits noch jenseits davon existiert. In
der Astronomie bestimmt sie die Vollständigkeit der Bewegungen
und so weiter. Durch die Lehre von der Größe
haben wir eine Zielgrenze und ein Maß für die Vollständigkeit
der Dinge; durch die Lehre von den Zahlen gelangen
wir so zu einer Unterscheidung der Dinge. Die Zahl hat die
Fähigkeit, die Verworrenheit des Gemeinsamen zu unterscheiden
und ebenfalls die Gemeinsamkeit der Dinge zusammenzufassen.
Die Größe hingegen läßt uns Grenze und
Maß der Vollständigkeit des Seins der Dinge erfassen.