I.
Es war, wie ich glaube, die Absicht des heiligen Apostels,
uns auf zugänglichem Wege zu allem Ersehnten hinzuführen.
Jeder denkende Geist strebt danach, zu wissen. Denn Einzusehen
ist das Leben des Vernunft-Denkens und sein ersehntes
Sein. Derjenige aber, der sein Licht nicht kennt,
vermag nicht zum Begreifen der Weisheit aufzusteigen. Wer
nämlich etwas bedarf, bedarf dessen, das er entbehrt. Also
muß der Bedürftige sich als Bedürftigen erkennen und zu
dem, von dem seine Bedürftigkeit erfüllt werden kann, voll
Eifer hineilen. Wenn darum derjenige, welcher der Weisheit
bedarf, sie von dem verlangt, dessen Schätze die Fülle
der Weisheit sind und der sie, indem er sie leert noch vermehrt
– dessen Sparsamkeit reichlichstes Ausströmen bedeutet
–, dann kann er die Weisheit, die sich selbst in den
Geist der Suchenden ergießt, unmöglich nicht erlangen. Das
ist das erhabene Zeugnis des weisen Philo, der bei seinem
Bemühen, die Weisheit zu loben, zeigt, daß sie sich selbst
dem Geist des Suchenden vereint.
[p.649] Verlangen aber bedeutet mit bestimmtem Glauben in unbezweifelter
Hoffnung auf das Erlangen suchen. Wer in
eifrigem Lauf zur Weisheit, die er nicht kennt, vordringt,
dem tritt sie wie eine geehrte Mutter entgegen.