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Cusanus vertritt die traditionelle Vorstellung, dass jeder Mensch mit einem natürlichen Streben ausgestattet ist. Dieses desiderium naturale hat nach seinem Verständnis die Form eines desiderium intellectuale: Es ist das Streben nach unsterblicher Weisheit, die allein in der Lage ist, die Bedürfnisse des Intellektes zu stillen und ihn zur Ruhe kommen zu lassen. Es ist gleichzeitig das Streben des in steter Unruhe befindlichen Abbildes, das erst dann zur Ruhe zu kommen vermag, wenn es sein Urbild und damit sich selbst erkannt hat. Damit repräsentiert das desiderium naturale nicht einfach ein natürliches Streben, das Gott seiner Kreatur eingepflanzt hat, sondern es ist begründet in der Ähnlichkeit zwischen der urbildhaften Weisheit und ihrem weisheitsfähigen Abbild, dem menschlichen Intellekt: „Denn woraus wir sind, davon ernähren wir uns.“ (De sapientia I n. 16; vgl. auch De venatione sapientiae c. 1 n. 2; vgl. insgesamt ausführlicher Kremer).
Cusanus illustriert das natürlich-intellektuelle Streben danach, in der absoluten Weisheit Ruhe zu finden, sofern sie den Ursprung allen Seins darstellt, mit dem Beispiel der Anziehungskraft, die ein Magnet auf Eisen ausübt, das seinerseits mit einem natürlichen Vorgeschmack (praegustatio naturalis) nach dem Magneten ausgestattet ist (De sapientia I n. 16; Sermo CLVIII n. 7-14). Bereits für den Neuplatonismus gilt die Vorstellung, dass der Mensch immer auch ein inneres Streben nach der Einswerdung mit dem göttlichen Einen verspürt, das ihm überhaupt erst die Erkenntnis des Absoluten ermöglicht (vgl. Beierwaltes). Freilich wird dieses Streben nicht ausschließlich teleologisch im Sinne eines desiderium naturale ausbuchstabiert, sondern geht stets einher mit dem Versuch, die Ausrichtung auf das Absolute bewusstseinstheoretisch im Sinne einer inneren Erkenntniserfahrung zu begründen. So konzipiert Cusanus die Sehnsucht des Menschen nach dem Wissen der letzten Ursache – die Aristoteles richtig erkannt hat – immer als ein natürliches Streben, das in jedem Erkenntnisakt des Menschen zum Ausdruck kommt (De sapientia I n. 8-9, n. 13). Wie die cusanische Konzeption der docta ignorantia zeigt, wird der Mensch in jedem Erkenntnisakt auf Grenzen gestoßen, die er nicht zu übersteigen vermag, insofern sie seine Erkenntnis überhaupt erst bedingen. In der Bewusstwerdung des eigenen Nichtwissens ereignet sich dann die Bewusstwerdung der abbildhaft bedingten Abhängigkeit vom ewigen Ursprung, in der sich der Mensch der Bedingungen seines eigenen Wissens bewusst wird. Diese Reflexion auf die eigene Erkenntnisaktivität führt zur Einsicht in das ewige Absolute, das zwar als solches niemals erfasst zu werden vermag, jedoch eine unendliche Annäherung erlaubt – ein Prozess, der keinesfalls Resignation verbreitet, sondern vielmehr ein unendliche Selbstgestaltungsmöglichkeiten freisetzendes Potential, in dem laut Cusanus die Würde des Menschen als viva imago begründet liegt.
Die ewige und eine Weisheit fungiert damit als Prinzip und Möglichkeitsbedingung jeglicher Erkenntnis überhaupt; sie ist gleichzeitig „Erfüllung, Ursprung, Mitte und Ziel“ des desiderium naturale (De sapientia I n. 15). Was Cusanus hier in teleologischer Terminologie zum Ausdruck bringt, betrifft im eigentlichen Sinne einen epistemologischen Vorrang der Weisheit, den Cusanus dem antiken Verständnis entnommen hat. Das so verstandene Streben nach Weisheit geht über eine einfache teleologische Verfasstheit des Menschen hinaus.
Gänzlich unbrauchbar wird der teleologische Gedanke dann in Bezug auf eine inhaltliche Fixierung des angeblich Erstrebten – im Sinne einer „Sollenswissenschaft, [die] faktisch in eine theo-teleologische Ethikkonzeption [mündet]“ (Benz, 252; vgl. auch 254) –, denn eine solche ergibt sich für Cusanus niemals auf natürliche Weise, sondern untersteht der willentlichen Selbstgestaltung, die nur darin bestehen kann, sich in Freiheit als viva imago entfalten zu wollen (De pace fidei c. 1 n. 4). Soll dieser Prozess gelingen, darf er selbstverständlich nicht unter den Vorzeichen völliger Beliebigkeit stehen. Der Rückgriff auf die nicht beliebige Natur des Menschen (vgl. Stichwort natura) wird von Cusanus jedoch nicht teleologisch eingefordert, sondern durch frei gewollte Anerkenntnis des als zuträglich innerlich Erfahrenen.
Literatur:
BEIERWALTES, Werner: Der Begriff des ‚unum in nobis‘ bei Proklos, in: Paul WILPERT (Hrsg.): Die Metaphysik im Mittelalter. Ihr Ursprung und ihre Bedeutung (Miscellanea Mediaevalia 2), Berlin 1963, S. 255-266.
BENZ, Hubert, Ziel des sittlichen Handelns und einer philosophisch-theologischen Ethik bei Nikolaus von Kues, in: Klaus KREMER / Klaus REINHARDT (Hrsg.): Sein und Sollen. Die Ethik des Nikolaus von Kues (MFCG 26), Trier 2000, S. 209-258.
KREMER, Klaus, Weisheit als Voraussetzung und Erfüllung der Sehnsucht des menschlichen Geistes, in: Rudolf HAUBST / Klaus KREMER (Hrsg.): Weisheit und Wissenschaft. Cusanus im Blick auf die Gegenwart (MFCG 20), Trier 1992, S. 105-146.
Isabelle Mandrella
erstellt am 15.09.2010
zuletzt bearbeitet: 17.09.2010